23. – 27. August 2013, 3. (und 4.) Spieltag/1. Liga; 5. Spieltag/2. Liga

Ran an die Hackerliga! Acht Platzverweise am Wochenende in Liga eins – neuer Rekord in 50 Jahren Bundesliga. Dazu gab’s noch einen Tribünenplatz für Freiburgs Coach Christian Streich. Und auch in der zweiten Liga ließen sich die Schiris nicht lumpen, schickten drei Spieler vorzeitig in die Kabine. Woran liegt’s? Wird der Fußball immer brutaler, die Attacken immer rücksichtsloser? Das wäre die einfachste Erklärung. Die auch immer wieder gerne angeführt wird. Sie hat nur einen winzigen, uncharmanten Nachteil: Sie ist völliger Blödsinn.

Vielleicht lohnt es sich, etwas tiefer ins Detail zu gehen. Und sich folgende Fragen zu stellen: Hätte sich vielleicht ein Großteil der heutigen Spieler der ersten und zweiten Liga in „Anstoß 3“ zwar nicht gerade die Attribute „Pferdelunge“ und „zweikampfstark“ verdient, dafür aber Höchstwerte in den (zugegebenermaßen erfundenen) Kategorien „laut aufschreien“, „sich willenlos über den Rasen wälzen“ und vor allem „nach jedem Kontakt mit dem Gegner eine Gesichtsverletzung simulieren“? Werden unsere Spiele von Unparteiischen geleitet, unsere Wahrnehmung von Kommentatoren beeinflusst, die anscheinend nie in ihrem Leben selbst gegen einen Ball getreten haben?

Zu Frage eins: Ja! Völlig unabhängig vom letztendlichen Strafmaß für den Foulenden gehören Woche für Woche 80 Prozent der Gefoulten vom Platz gestellt. Aus Respekt vor dem Fußball. Zu Frage zwei: Ja und ja! Schiedsrichter, die bei jedem Kopfballduell und gelegentlich auch fürs böse Anschauen des Gegenspielers auf Freistoß entscheiden, die damit jedes Spiel kaputt pfeifen, die müssen zwangsläufig auch früh die Karten ziehen. Aktionen, bei denen man noch vor 20 Jahren befürchtet hat, dass der Schiri sie unterbindet, werden heute automatisch mit Gelb bestraft. Und Situationen, die früher zu einem eindeutigen, nur noch kurz diskutierten Freistoß führten, bedeuten heute: Platzverweis.

Die einst so geliebte Grätsche ist nicht mehr hoffähig. Da fordert der Kommentator gerne mal direkt den Karton, auch an diesem Wochenende wieder geschehen: „Klar, trifft er den Ball, aber…“ Neiiiiin! Nach „Ball“ kommt in diesem Fall ein „Punkt“. Punkt. Jahrhunderttorbens Favorit aber war am Samstag Andreas Renner (Sky) beim Spiel Aalen gegen Kaiserslautern, der gleich mehrfach umstrittene Freistoßentscheidungen verteidigt hat mit der unschlagbaren Argumentation: „Es war Foul, Kontakt war da.“ Mein Gott, echt jetzt? Körperkontakt im Fußball, wieder und wieder!? Elf Platzverweise am Wochenende waren wohl noch viel zu wenig!

Ein weiterer Höhepunkt der angesprochenen Zweitligabegegnung war übrigens auch die Superzeitlupe, die der Regisseur lieferte, um die knifflige Abseitssituation aufzulösen, die dem dritten (!) Aalener Treffer vorausgegangen war. Ganz langsam, damit auch jeder alles erkennen konnte, wurde der Pass auf Daniel Buballa nochmal abgespielt. Das Bild sogar angehalten in dem Moment, als die Kugel Andreas Hofmanns Fuß verließ. Und das aus toller, nicht zu überlistender Perspektive: die Kamera frontal aufs Tor gerichtet. Klasse! Angeblich bastelt Sepp Blatter seit Beginn der Woche mit diesem Regisseur an der Einführung des Videobeweises…

Jetzt sollte noch so viel über den vergangenen Spieltag kommen, aber da wird der Jahrhunderttorben schon von der Aktualität eingeholt. Weil die Bayern sich am Freitag im europäischen Supercup mit dem FC Chelsea messen dürfen und sich an diesem Wochenende deshalb nicht mit dem popligen Fußvolk aus der Bundesliga auseinandersetzen können, hat der vierte Spieltag am Dienstagabend schon begonnen. Und zwar mit dem ersten Punktverlust des großen FCB. Nur 1:1 in Freiburg. Und dabei hatte Top-Trainer Peppi doch noch eindringlich im Vorfeld gewarnt: „Ich bin sicher: Wir müssen gut spielen. Wenn wir das nicht tun, werden wir nicht gewinnen.“ Dass der Peppi ein Weltklasse-Coach ist, das haben wir von Anfang an gewusst. Aber solch brillante, messerscharfe Ansagen, in die die Ergebnisse wochenlanger akribischer Beobachtung des Gegners eingeflossen sind, die heben die deutsche Liga wahrlich auf ein bisher nicht gekanntes Niveau.

Gebracht hat’s indes nichts. Nur ein Pünktchen bei den Langzeit-Studenten im Breisgau. Ist ja aber auch kein Wunder: Konnten wir doch auf Kicker online und auch anderswo lesen, dass Bayern nur eine B-Elf aufgeboten hat. Schauen wir uns nur mal das Mittelfeld an: Da fehlten Thiago und Martinez, Robben und Ribéry saßen auf der Bank. Das war nun wirklich ein bisschen arrogant von den Bayern, den ganzen Kaderleichen – Schweinsteiger, Müller, Kroos, Götze – gleichzeitig Spielpraxis verschaffen zu wollen. Das hätte jedem klar sein müssen, dass das nix werden kann. Gut, jedem außer Jogi Löw. Der glaubt, mit diesem Mittelfeld eine Chance auf den Weltmeistertitel zu haben. Er glaubt vermutlich aber auch eher an den Weihnachtsmann als an den Jahrhunderttorben.

Und wie schlug sich der ehemalige „Bayern-Stürmer Nummer drei“ Mario Gomez eigentlich am ersten Spieltag der Serie A? 2:1 gewonnen hat er mit dem AC Florenz gegen Catania Calcio. Und hatte ein Déjà-vu: Getroffen hat er nicht, dafür aber sein Teamkollege Pizarro. Da hätte er auch in München bleiben können. Nur war’s eben nicht mehr Claudio, sondern der chilenische Nationalspieler mit dem Vornamen David. Vom peruanischen Regen in die chilenische Traufe…

Und zum Abschluss noch eine Reminiszenz an das Jahr 1998 und an die völlig zurecht längst vergessene Boygroup „Die dritte Generation“: „Immer wenn ich dich gebraucht hab’/wenn ich einsam war/Ralph Hasenhüttl/du warst nie für mich da!“ Jörg Wontorra würde lauthals ausrufen: „Bitte melde Dich!“ Hier in Lautern warten doch gleich zwei große Aufgaben auf Ralph…!

3 Gedanken zu „23. – 27. August 2013, 3. (und 4.) Spieltag/1. Liga; 5. Spieltag/2. Liga

  1. Stefan

    Die Geburtstagsedition – herzlichen Glückwunsch JAHRHUNDERTORben und mögen alle Deine (sportlichen) Wünsche in Erfüllung gehen – ist besonders gut gelungen. Leider ist (fast) alles wahr, was Du schreibst. Der sog. moderne Fußball wird von DFB, DFL, indoktrinierten Schiris und z.B. SAP-Mitarbeitern mit Freikarten für das Sinsheimer Retortenstadion körperlos interpretiert. Identifikationsfiguren wie Martin Wagner, Dieter Eilts, Oliver Schäfer (Wie kommt der hier rein?) oder sogar Diego Buchwald würden heute keine Halbzeit mehr auf dem Platz bleiben – und das wegen Aktionen, für die wir sie alle damals liebten. Und dabei war es noch vor 10 Jahren für die Schiris viel einfacher: Rotwürdig war ein “Kontakt”, wenn der Spieler nicht mehr oder nur mit fremder Hilfe ehrenamtlicher Sanitäter aufstehen konnte oder eindeutige Kampfspuren aufwies. In dubio pro reo, wobei mit reo der verteidigende Spieler gemeint ist, gibt es in der deutschen Fußballstaatlichkeit nicht mehr.
    Ich kann den Autor dieses Refugiums der wahren Fußball-Liebhaber nur ermutigen, mit seinen Beiträgen weiterzumachen – eine Oase in der Medienwüste Bundesliga.
    In diesem Sinne, alles Gute für das neue Lebensjahr und den weitern Blockverlauf.

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