8. – 11. November 2013, 12. Spieltag/1. Liga und 14. Spieltag/2. Liga

Darf man nach so vielen Jahrzehnten deutscher Fußball-Geschichte, die durchgängig geprägt waren vom beruhigenden Wissen darum, dass wir auf der Torwartposition niemals, nie und nimmer, nie im Leben ein Problem würden bekommen können, dass wir immer einige Weltklasseleute in der Hinterhand haben, nun endlich zumindest mal andenken, ob wir unsere Vorreiterstellung auf dieser Position verlieren könnten? Man muss es! Roman Weidenfeller wurde vom Mann mit den schönen Schals nominiert.

Nun ist er ja kein abgrundtief Schlechter, der Weidenfeller, macht seine Sache ja bisweilen grundsolide. Aber das war’s dann auch schon. Und um allen, die aufgrund dieser Einschätzung aufschreien, gleich das laue Lüftchen aus den Segeln zu nehmen: Er hat im Laufe seiner Karriere auch schon wirklich tolle Paraden gezeigt. Hat er. Wie jeder Torwart von der Kreisklasse aufwärts. Nationalkeeper ist er nicht.

Aber falls er doch zu seinem Einsatz kommt, wird uns dann vermutlich dennoch nach der ersten fehlerfrei gestoppten 80-Meter-Rückgabe ein „Weltklasse! Wie kann man den Mann so lange übergehen?“ aus der heißeren Kehle des Herrn Simon oder von einem nach Sauerstoff japsenden Herrn Réthy entgegengeschmettert werden. Weil wir einfach alles Weltklasse finden, was a) einigermaßen unbeschadet über den Platz stolpern kann und – ganz wichtig! – b) einen deutschen Personalausweis besitzt.

Zwei Punkte, die beispielsweise K. Neuer in herausragendem Maße erfüllt. Wie oft wurde der arme, kleine Koan schon zum Weltklasse-Torwart gemacht – und kann doch eigentlich gar nichts dafür. Legt eine Fehleranzahl an den Tag, die – in Relation zu seinen Ballkontakten bei Nationalelf und den Bayern – vermutlich (!, die ran-Datenbank arbeitet noch an der Jahrtausendumstellung) eine erschreckend miserable Quote ergibt. Hält ab und an mal einen Unhaltbaren (s. o.), aber sicherlich nicht genug, um am Ende das Prädikat „Weltklasse“ zu erhalten. Internationaler Durchschnitt, ja. Das ist nicht schlecht. Sogar gut. Aber eben Welten entfernt von der Weltklasse, die wir jedem unserer Nationalkeeper so gerne ungefragt andichten. Unumstrittene Nummer eins war ja bis Mai 2010 René Adler, nach seiner Verletzung ist er aber nie wieder zu 100 Prozent zurückgekommen – hätte sich seine Entwicklung ungebrochen fortgesetzt, er wäre heute ganz nah dran an Weltklasse. Oder hätte sie schon.

Es gibt aber auch noch ein paar wirklich talentierte junge Leute in der Liga (in deren Alter es bei einem Torhüter allerdings noch gar nicht möglich ist, Weltklasse zu besitzen). Neben Marc-André ter Stegen, dessen unglückliche erste Auftritte im Nationaltrikot wir mal unter Nervosität abtun, sind da vor allem Kevin Trapp und Oliver Baumann. Letzterer hat im Gegensatz zu ter Stegen sogar schon seine Nervenstärke unter Beweis gestellt, hat sich von seiner Freak-Show an der Strafraumgrenze vor zwei Wochen gegen den HSV nicht weiter beeindrucken lassen, sondern ist gestärkt daraus hervorgegangen. Aufgrund der absurden Häufung an Absurditäten in diesem Spiel lässt sich die Baumann’sche Leistung dieses Tages ohnehin als Streichergebnis aus der objektiven Beurteilung seines Potenzials verbannen.

Und wenn der Bundesschal schon unbedingt einen reiferen Mann mitnehmen möchte, dann kann er – sobald er wieder fit ist – gerne auch mal bei Heinz Müller anklopfen. Bei dem wäre vermutlich mehr drin gewesen, hätte er sich nicht bis zu seinem 32. Lebensjahr im Ausland versteckt. Und vielleicht hätte immer noch etwas aus ihm werden können, wäre er nicht an den „Undisputed Heavyweight-Champion of the World“ in Fußball-Fachwissen geraten: Thomas Tuchel („Ich habe dann den vierten Offiziellen gefragt, ob nicht jeder Spieler, der einen Elfmeter verursacht, zwangsläufig Gelb kriegen muss.“), den einzigen Bundeliga-Coach, der sich am Fußball-Quiz-Automaten in der Kneipe um die Ecke ein bis zur letzten Frage spannendes Duell mit Alice Schwarzer liefern könnte.

Zumeist musste sich Müller bei den Mainzern in den vergangenen gut drei Jahren hinter Christian Wetklo anstellen. Einem Mann, der nicht nur einen extrem ulkigen Namen besitzt, sondern auch das Bewegungspotenzial eines Torhüters, den der Trainer im Alter von zwölf Jahren aus der Not heraus zum Keeper gemacht hat. Vielleicht war er auch zehn. Definitiv war es aber zu spät, um das Torwart-Gen noch entfalten zu können. Doch obwohl der Bewegungsablauf solcher Leute ein 90-prozentiges Risiko birgt, bei gelernten Torhütern chronisches Augenleiden zu verursachen, belästigen uns immer wieder solche Möchtegern-Torleute mit ihrem Klamauk. Vor Wetklo waren das zuletzt Martin Pieckenhagen und Hans-Jörg Butt, der unter den über irgendwie fast so gut wie jeden Zweifel erhabenen Sportkameraden Ribbeck, Völler und Bundesschal sogar für Deutschland auflaufen durfte. Warum auch nicht? Nicolai Müller hat’s zuletzt ja auch gemacht – und der ist fast Weltklasse. Zumindest eine Zeit lang kam er nämlich unbeschadet über den Platz – toll…

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