22. – 24. Februar 2014, 22. Spieltag/1. und 2. Liga

Ohje, das ist mal ‘ne richtig schwierige Kiste heute. „Der große Red-Bull-Bluff“ haben die 11 Freunde getitelt. Der Aufmacher hat dann, naja, sagen wir mal, überschaubar viel Neues geliefert. Aber: Jetzt gehen die Diskussionen netzweit so richtig los. RB-Leipzig-Freunde schreien auf, weil sie davon überrascht wurden, dass sie keiner so recht mag. Fußball-Liebhaber und Traditionalisten schreien auf, weil ihnen die seit einigen Jahren etwas handzahmen 11 Freunde nicht weit genug gehen. Anhänger anderer Retortenklubs schreien auf, weil sie die ganze Diskussion nicht verstehen und sich beim Power Yoga gestört fühlen. Traditionalisten schreien auf, weil sie viel lieber nur noch mit Traditionalisten diskutieren wollen und nicht mit Leuten, die gerade Power Yoga machen. Fitnesstrainer schreien auf, weil keiner Pilates macht. Die Event-Fans schreien auf, weil sie so überhaupt nicht verstehen können, worum es eigentlich geht, und dachten, dass sie auf nichts als Zustimmung stoßen, wenn sie #Hoffenheim bei Facebook eingeben. 11 Freunde schreien auf, weil alle sie falsch verstanden haben. Und der Jahrhunderttorben muss sich irgendwo positionieren. Nicht zwischen den Stühlen, sondern da, wo er hingehört. Über allen anderen Beteiligten.

Da hat sich das Magazin für Fußballkultur aber Ärger eingehandelt! Für alle, die es nicht gelesen haben, sei an dieser Stelle die Grunderkenntnis des Artikels kurz zusammengefasst: Rübenbrause Leipzig ist eher nicht so der Bringer. Und überhaupt die Sache mit dem Event-Fußball. Und so. Das ist sicherlich ebenso wenig falsch wie überraschend. Umso überraschender war es wohl, dass ausgerechnet dieser unwürdige Ösi-Blödsinn das Cover der 11 Freunde hatte zieren dürfen. Man wurde das Gefühl nicht so recht los, dass durch das Aufspringen auf diesen nun wirklich ohne jeglichen ernstzunehmenden Gegenverkehr umherbrausenden Fan-Zug der Versuch unternommen werden sollte, all jene zu besänftigen, denen die einstigen Pioniere der Fußball-Kultur zuletzt doch ein wenig opportun vorgekommen waren. So hatte sich etwa die Website der 11 Freunde am lächerlichen Aufschrei von Bild & Co. gegen die Frauen-und-Fußball-Schelte von FCK-Vorstandsboss Stefan Kuntz beteiligt (eine Schelte, der übrigens Bibi Steinhaus am Wochenende ausgerechnet beim Spiel Kaiserslautern – Aalen neue Nahrung geliefert haben dürfte).

Gut, 11 Freunde hat’s getan – warum auch nicht? Auf der Homepage des Magazins, auf Facebook, Twitter, in Blogs – überall wird seither tausendfach rumgeheult, beleidigt, teilweise vorsätzlich und teilweise aus Bildungsgründen die eigentlich klar zu erkennende Wahrheit verdreht, mit Populismus und Demagogie dazwischengehauen. Das Interessante, Belustigende bis Beängstigende, in jedem Fall aber Erzürnende und Befremdliche ist dabei die große Bandbreite an vermeintlichen Ansätzen zur Klärung des Problems, die auf derart abgehobenen Ebenen stattfinden, dass es selten einen eindringlicheren Beweis dafür gegeben hat, wie viele Menschen sich doch tatsächlich mittlerweile des Themas Fußball angenommen haben, die ihre Bestimmung doch schon längst bei Power Yoga, Kinderschminken oder bei Reality-Doku-Marathons gefunden hatten.

Als erstes laufen diejenigen Sturm, die kraft ihres geistigen Zustands einfach mal behaupten, Rübenbrause Leipzig sei ein tolles Projekt. Naja. Was soll man dazu sagen? Ein tolles Projekt wäre es sicherlich auch, sich ein Loch ins Knie zu bohren und dort Kartöffelchen anzupflanzen. Aber schon auf der nächsten Stufe wird’s etwas diffiziler. Die „Ach so tollen Traditionalisten“ hätten es nämlich nicht gepackt, in Leipzig Bundesliga-Fußball zu etablieren, heißt es da. Und überhaupt leide der Fußball im Osten ja noch immer, weil West-Klubs vor mehr als zwanzig Jahren die Spieler weggekauft hätten. Wer mit so etwas kommt, der ist natürlich wenig zugänglich für das einzig logische Argument: „Und wessen Problem ist das?“ In wie vielen Großstädten gibt es keinen Bundesliga-Fußball? Haben die jetzt alle einen Anspruch darauf?

Die Diskussion verlagert sich auf immer abstrusere Ebenen. Die nächsten setzen schon mal voraus, dass sich „jeder freuen würde, wenn so etwas vor seiner Haustür entsteht“. Einer wünscht sich sogar in flüchtigen unglücklichen Kindheitserinnerungen schmachtend, „das hätte es damals schon gegeben“. Dann hätte er nicht 120 Kilometer bis zum nächsten Bundesligisten gehabt. Heute könne er ja zum Glück nach Hoffenheim, schreibt er. Und zeigt mit diesem letzten Satz, dass eigentlich schon von Anfang an nichts Überragendes von diesem Post zu erwarten war.

Es wird davon ausgegangen, dass es völlig normal ist, den Verein zu wechseln, wenn ein neuer entsteht, der näher an der eigenen Haustür liegt. Der nächste Zusammenprall – ist es wichtig, ob das Geld vom Trikotsponsor oder Namensgeber kommt? – erfolgt unter der Prämisse, dem Fan sei es eben wichtig, dass er guten Fußball und Weltstars sehe. Bei so ziemlich jeder der Sub-Auseinandersetzungen disqualifizieren sich einfach beide Seiten schon dadurch, dass sie sich mit Fragestellungen auseinandersetzen, die es so gar nicht geben dürfte. Das endet erst bei den Meta-Fragestellungen, ob es so etwas wie Fankultur gebe, wer sie definiere und warum so etwas im modernen Fußball überhaupt noch gebraucht werde.

Statt aber an dieser Stelle seine Marktmacht mit der früheren fußballerischen Klasse verschmelzen zu lassen und an alle, ausnahmslos alle, lebenslange Stadion-, Internet- und Kneipenverbote zu verteilen – was macht 11 Freunde? Rudert zurück! In einer Stellungnahme auf der 11-Freunde-Internetseite versucht Chef-Redakteur Philipp Köster all die aufgeschreckten „Auch ich hab Ahnung von Fußball, ich mag’s schon seit der WM 2006“-Fans zu besänftigen, in dem er zwar deren Anfeindungen (zurecht) verurteilt, dann aber doch zum Besten gibt, dass es die positiven Aspekte des modernen Fußballs „in Fülle gibt und sie die Nachteile weit überwiegen“. Und das müsse „unter denkenden Fans eigentlich nicht mehr diskutiert werden“. Aha! Und mit dieser Antwort auf die weiter oben gestellten Frage (11 Freunde definiert Fankultur, und zwar immer so, wie das Fähnchen gerade am schönsten im Wind hängt) sind nun auf allen Kanälen die Traditionalisten wieder in Rage gebracht.

Die Debatte wird sich noch einige Zeit ziehen. Schön ist, dass sie mal wieder mit Leidenschaft geführt wird. Seltsam ist, dass es ausgerechnet eines Artikels über RB Leipzig bedurfte und nicht etwa eines tatsächlich strittigen Themas. Traurig ist, dass so gut wie niemand irgendwo eine Lanze bricht für den Fußball, wie er einmal war – selten wurden im Netz so viele komplexe Argumentationen ausgetauscht wie derzeit. Aber egal, in welche Richtung sie gehen, ob grundsätzlich in die falsche oder die richtige, sie alle fußen immer wieder auf Annahmen, die viel grundsätzlicher hinterfragt werden müssten. Das tut aber keiner mehr.

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