7. – 10. März 2014, 24. Spieltag/1. und 2. Liga

Heute dürfen sich die Freunde der Trigonometrie, der linearen Algebra und der Grundschulmathematik freuen: Der Jahrhunderttorben beschäftigt sich mit der mysteriösen Marke, die angeblich vor dem Abstieg schützen soll. Und die sich bei genauer Betrachtung – sollen wir das schon vorwegnehmen? – ja, können wir, weil es für die meisten wohl nicht wirklich überraschend kommen dürfte – als dodaler Schwachsinn herausstellt. Deshalb nennt er es: die 40-Punkte-Lüge!

Seit Einführung der Drei-Punkte-Regel in der Spielzeit 1995/1996 erfreuen uns Trainer, Spieler und die Vorstandsetagen potenzieller Abstiegskandidaten aus der ersten und zweiten Fußball-Bundesliga meist kurz nach der Winterpause mit ihrer mittlerweile wenig überraschenden Zielsetzung: „Wir wollen so schnell wie möglich die 40 Punkte erreichen.” Viele stellen die 40-Punkte-Marke sogar schon zum Saisonstart einfach mal so als Ziel in den Raum.
Die etwas Mutigeren sprechen gar von „40 + X”. Was soviel heißen soll wie: erst mal den Klassenverbleib sichern, dann schauen, ob noch mehr geht. Und das wird sich spätestens ab jetzt wieder bis zum Saisonende ziehen. „Noch haben wir keine 40 Punkte.” „Am Wochenende können wir die 40 voll machen.” „Mit 38 Zählern sind wir noch längst nicht gerettet”.
Aus welcher der Freudschen frühkindlichen Phasen die Fixierung auf die Zahl 40 kommt, das kann indes niemand so recht erklären. Vermutlich weil sich die Wenigsten jemals darüber Gedanken gemacht haben. In der abgelaufenen Spielzeit landete Augsburg mit 33 Punkten auf Nichtabstiegsplatz 15, im Jahr davor sicherte sich der HSV mit 36 Zählern diesen Rang. Noch nie ist ein Team mit mehr als 38 Punkten aus der ersten Liga abgestiegen.
In Liga Zwei wird der 40-Punkte-Regel ebenfalls allgemeine Gültigkeit zugeschrieben. Das ist besonders logisch, wenn man bedenkt, dass dort in der jüngeren Vergangenheit mal 18, mal 20 Mannschaften gespielt haben. Und dass die Zahl der Absteiger dort in den vergangenen Jahren munter von zwei bis vier variiert hat. Mal hat man die 40 Punkte also gebraucht, um 14. zu werden, mal um 16. zu werden. Spätestens hier wird klar, dass die Legende vom „Klassenverbleib ab 40 Zählern” substanzlos sein muss. Zumal auch aus der mündlichen – in Teilen aus dem Hebräischen übersetzten – Überlieferung nicht hervorgeht, ob 40 Punkte nun den Klassenverbleib oder den Relegationsplatz garantieren sollen. Übrigens stiegen aus Liga Zwei 1997 der SV Waldhof mit 40, 2006 Dynamo Dresden mit 41 und 1996 der Chemnitzer FC sogar mit 42 Punkten auf dem Konto ab.
Was bleibt? Vielleicht die Statistik? Nein, auch sie liefert keine Erklärung: Seit der Saison 1995/96 hat der Tabellen-15. der Bundesliga sich mit durchschnittlich 36,1 Punkten gesichert. Und oftmals wären so viele Zähler nicht mal nötig gewesen. Denn der 16. – der erste Absteiger beziehungsweise seit 2009 das Team, das in die Relegation muss – brachte es im Schnitt nur auf 33,5 Punkte.
Nächster Gedanke: Vielleicht hat man die 40-Punkte-Regel ja in der Saison 1994/95 abgeleitet, der letzten vor Einführung der Drei-Punkte-Regel? 1995 musste der VfL Bochum als 16. mit 22:46 Punkten den Gang ins Unterhaus antreten. Die Bilanz der Mannen um Dariusz Wosz und Uwe Wegmann: 9 Siege, 4 Unentschieden, 21 Niederlagen – das wäre ein Jahr später 31 Zähler wert gewesen. Also wurde die „40” auch dort nicht abgeleitet.
Letzter Versuch: Vielleicht ist ja in einer 18er-Liga mit drei Absteigern ein Verein auch theoretisch gesichert, wenn er 40 Punkte erreicht!? Aber ohne allzu komplexe mathematische Modelle bemühen zu müssen, wird schnell klar, dass auch die reine Theorie nicht als Fundament für die „Regel” dienen kann.
Denn Relegationsplatz 16 ist sogar mit 57 Punkten noch möglich. Nämlich dann, wenn die 16 besten Teams alle Spiele gegen die beiden Letztplatzierten gewinnen und es bei den Partien untereinander nur Heimsiege gibt. Dann fahren 16 Mannschaften je zwölf Zähler aus Hin- und Rückspiel gegen die beiden Schlusslichter und 45 aus den anderen Begegnungen ein (15 Siege, 15 Niederlagen) – und haben alle 57 Punkte.
Andererseits können theoretisch auch sechs Punkte genügen, um Abstieg und Relegation zu entfliehen: Wenn die vier schwächsten Mannschaften untereinander alle Partien unentschieden spielen, die 28 anderen Begegnungen jeweils verlieren. Dann haben die Teams auf den Plätzen 15 bis 18 je sechs Punkte auf dem Konto – wer die torreichsten Remis gespielt hat, steigt nicht ab.
Also, ihr Herren Lieberknecht, Streich, Veh, Verbeek, Korkut und Dutt! Und auch Herr Slomka und Herr Stevens, die wir gutgelaunt und allenfalls aus mathematischer Sicht etwas missmutig im Abstiegskampf begrüßen, sagt es euren Teams: „Wir müssen jetzt endlich schauen, dass wir so schnell wie möglich die sechs bis 58 – im Schnitt 34 – Punkte bekommen.” Und dann vielleicht sogar noch ein „+ X”.

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